Winand Victor – Sonnengesang

Reutlingen in der Kanzleistrasse 20: Ab dem 19. Febraur



Sonne


Franz von Assisi hat seinen „Sonnengesang“ um die Jahre 1224/1225 geschrieben. Damals war er Mitte vierzig. Krank und für die Verhältnisse jener Zeit bereits alt. Winand Victor hat seinen Zyklus, den er in Anlehnung an Franz von Assisi ebenfalls „Sonnengesang“ nennt, im hohen Alter von 90/ 91 Jahren gemalt. In den Jahren 2008 und 2009, also 785 Jahre nach dem berühmten Ordensgründer und Heiligen. Bei meinem Besuch im Krankenhaus vor wenigen Tagen hat Winand Victor gemeint, das Thema Sonne sei wohl ein Altersthema.

Der „Sonnengesang“ des Franz von Assisi ist ein Lobgesang auf die Schöpfung und auf den Schöpfer und zugleich ein Dankgebet. Franz spricht vom Bruder Sonne und von der Schwester Mond, vom Wasser und den Winden, die alle den Schöpfer preisen. Zur Sonne sagt er _ im Altitalienischen und im Lateinischen ist die Sonne männlichen Geschlechts und der Mond ist weiblich _ er, Bruder Sonne, „er ist der Tag, und du, Gott, spendest uns das Licht durch ihn, und schön ist er und strahlend in großem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster.“_ „ e bellu e radiante cun grande splendore“, heißt es in der ursprünglichen altitalienischen Fassung. Schön ist er (Bruder Sonne), und strahlend in großem Glanz. Die Sonne als Sinnbild des Göttlichen: diese Symbolik ist nicht allein Bestandteil christlicher Vorstellung, sie ist uraltes religiöses Gut vieler Kulturen weltweit. Von China bis zu den Babyloniern und Sumerern, von Ägypten und der Goldscheibe des Gottes Aton bis Griechenland mit dem Sonnenwagen des Helios und bis Rom mit seinem Kult des sol invictus, von den nordischen Ländern bis zu den Maya und Azteken, von den Indianern bis zur Himmelsscheibe von Nebra _ überall gilt die Sonne als verehrungswürdiges Abbild des Göttlichen und als Zeichen von Macht und Kraft.

In der Dichtung wird die Sonne in vielfältiger Weise gepriesen. Von Goethe, auf den wir noch kommen, von Shakespeare, der in seinem 7. Sonett vom „gnadenreichen Licht der Sonne und von ihrer heiligen Majestät“ spricht, von Rimbaud, der sie den „lebendigen Quell aller Zärtlichkeiten“ nennt. Im Gilgamesch-Epos heißt es, dass Schamasch _ die Sonne _ dem Gilgamesch Schönheitsglanz und Schönheitsglut verlieh. In der Musik hat Haydn das Licht und die Sonne in seiner „Schöpfung“ mit elementarer C-Dur-Pracht gefeiert. Auch in gängigen Redewendungen gebührt der Sonne eine Sonderstellung, wenn es etwa heißt „Die Sonne bringt es an den Tag“ oder wenn eine Fernseh-Lotterie einen Platz an der Sonne verspricht. Auch im politischen Bereich muss die Sonne zur Glorifizierung herhalten. Denken Sie an den Sonnenkönig Ludwig XIV. oder an Karl V., der gesagt haben soll, dass in seinem Reich die Sonne nicht untergeht. Oder an jene Länder, welche die Sonne in ihrer Fahne tragen.Die Norweger sehen es menschlicher wenn sie meinen „Wenn man von der Sonne spricht, dann scheint sie.“ Die Araber haben mitunter ein recht pragmatisches Verhältnis zur Sonne wenn sie konstatieren: „Zuviel Sonne macht Wüste“.

Eine Außenwand von Winand Victors Atelierhaus in der Reutlinger Oststadt ist mit einem großen Keramikfeld geschmückt. Es zeigt einen stilisierten Baum. Den Baum seines Lebens und Wirkens. Die Früchte dieses Baumes sind im Innern des Atelierhauses gereift. In 60 Jahren einer ununterbrochenen kreativen Energie und einer völligen Eigenständigkeit. In einer Breite, auch im Technischen, und in einer Vielgestaltigkeit und in einer thematischen Fülle, die dem Gesamtwerk den Rang des Außergewöhnlichen sichern. Strömungen hat Victor nie mitgemacht. Er ist immer der Einzelgänger und der kraftvoll Einzigartige geblieben. Einer, der immer Neues geschaffen hat. Der in seinen Werken nicht auf der Stelle tritt, sondern gleichsam alterslos mit seinen Werken alt geworden ist. Weil er konsequent nach der Maxime gehandelt hat „Ich will mich nicht wiederholen“.

Das Großartige und Bewundernswerte an seinem Gesamtwerk ist dessen innere Kontinuität. Bei allen Stufen und Innovationen gibt es übergreifende Bindungen und Bezüge. Weniger der stilistischen als der gedanklichen Art, die diesem Gesamtwerk sein großes inhaltliches Gewicht geben. Vor allem dadurch ist Winand Victor ein über die Region hinaus auch international geachteter Künstler geworden. Wir brauchen jedoch gar nicht in die Ferne zu schweifen zu den bedeutenden Museen und Sammlungen, in denen seine Werke vertreten sind. Es genügt ein Gang in die benachbarte Stadtbibliothek, wo wir ihm gleich mehrfach begegnen, oder ins Rathaus, in dem seit letztem Jahr sein großes dreiteiliges Lebensbild eine angemessene Bleibe gefunden hat.

„Ich wollte mal wieder was Neues machen“, hat er mir an seinem Krankenlager im Hinblick auf seinen Sonnengesang gesagt. Fast lachend und ein wenig verschmitzt. Um dann sehr ernst fortzufahren: „Ich wollte mit diesen Bildern meiner Verehrung für die Sonnenkraft Ausdruck verleihen.“ Sie sehen hier in dieser Ausstellung, wie ein alter, weise gewordener Mann diese Verehrung ausspricht. Mit Bildern der Majestät, der Freude und der Demut, die in ihrer Aneinanderreihung einen großen und ehrfürchtigen Hymnus ergeben. Einen Lobgesang auf die Schöpferin Sonne, die Quelle und Erhalterin allen Lebens auf der Erde. Zugleich ist dieser Zyklus ein Dank an das Leben selbst. Mit seiner Kraft. Mit seiner Fülle. Mit all seiner Schönheit und all den Trübungen auch, die es mit sich bringt.

Es sind Bilder in Öl auf Holz und Acryl auf Leinwand, Mischtechniken auch und bei den kleineren Formaten Malerei auf Papier. Wobei Winand Victor nicht einfach verschiedene farbige Kreisflächen gemalt hat, sondern eben auch das benannt hat, was man mit Ausstrahlung bezeichnen könnte. Jene Energie der Sonne, die nicht physikalisch beschreibbar ist als Ergebnis einer gigantischen Verschmelzung von Wasserstoffkernen zu Heliumkernen, wie sie seit viereinhalb Milliarden Jahren geschieht und noch mindestens ebenso lange andauern wird, sondern Ausstrahlung als jene Energie der Sonne, die in das Leben der Menschen eingreift. Die ihn beobachten und rechnen lehrt, so dass er das Jahr ordnen und Kalender erstellen und Kultur entwickeln kann. Jene Energie, die ihn mit Freude und Staunen erfüllt und ihn etwas ahnen lässt, das in seiner Mächtigkeit über ihm walten muss. Jene Energie, die Licht bringt und damit auch Erleuchtung und den Weg in die Spiritualität.

Sie sehen hier Bilder von großer Kraft und einer wundersamen klingenden Tiefe. So wie die Physik nachgewiesen hat, dass die Sonne in ihrem Schalenaufbau aus Gas und Plasma schwingt, so hat hier auch der Künstler seinen Sonnen eine leichte Bewegung innerhalb der Farbe und eine Spannung aus der vollendeten Kreisform heraus mitgegeben. In souveräner malerischer Meisterschaft. Jedes dieser Sonnenbilder hat seine eigene Gestalt und Würde. Hier ist die Sonne fast weiß auf einem hellen, zarten Orange. In diesem Triptychon ist sie reine Quelle des Lichtes und bewegt sich gleichsam in einem spirituellen Raum. Hier erstrahlt sie als mächtiges, rotstarkes Zentralgestirn mit feinsten Fluktuationen innerhalb des Rot. Dort in Orange mit einem Lichthof, dem sogenannten Halo-Effekt. Am Treppenaufgang als gewaltige gelbe Scheibe mit einer prächtigen Corona auf dem Schwarz des Weltalls, in das sie ihre Teilchenströme hinausschleudert und sich dabei überreich schmückt. Wie es die barocken Sonnenstrahlen-Monstranzen der katholischen Kirche im Kleinen tun und wie es die strahlenden Rosetten der Kathedralen von Strassburg und Paris grandios versinnbildlichen. Dort sehen Sie Dornengestrüpp vor der Sonnenscheibe. Ein Bild von schmerzender Dichte, das auf die Passionszeit, auf die Karwoche hinweist. Es trägt den Titel Golgatha..

Im oberen Raum hängt ein Welt-Bild mit majestätischer roter Sonne auf einem immer tiefer werdenden Blau. Ferner eine schwarze Sonne wie bei einer Finsternis. Eine Sonne, welche die Triebkräfte der Erde geweckt hat. Eine von Violett- und Brauntönen verhangene Wintersonne und eine glutrote Sonne im oberen rechten Bildwinkel, die Dynamik und Ruhe in einem ausstrahlt.

Winand Victors Sonnengesang bewegt und erhebt durch seine Kraft und durch seine Einheit in der Vielzahl der Erscheinungen. Die Eindringlichkeit dieses Zyklus beruht auf seiner Klarheit, die auch Verklärung bewirkt wie in diesem Triptychon oder wie in diesem kleinformatigen Bild mit seiner Harmonie und seinem Einklang von Stille, Bewegung und einer vergeistigten Farbigkeit. Hier und an vielen anderen Bild-Strophen dieses Sonnengesangs wird das Erhabene gegenwärtig. Auf eine völlig pathosfreie und auf eine künstlerisch wie menschlich wahrhaftige Weise. Ich möchte nochmals an die Worte Winand Victors erinnern, die alles sagen: „Ich wollte meiner Verehrung für die Sonnenkraft Ausdruck verleihen.

“Bei der Arbeit an seinem Sonnengesang hatte Victor einen Gedanken Goethes im Sinn. Er findet sich in den Zahmen Xenien des Dichters und lautet folgendermaßen:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt’ es nie erblicken,
Läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?


Goethe bezieht sich hierbei auf den antiken Philosophen Plotin. Bei ihm heißt es in seinen Enneaden weniger poetisch und ziemlich nüchtern:

Ein dem zu sehenden Gegenstand verwandt und ähnlich gemachtes Auge muss man zum Sehen mitbringen. Nie hätte das Auge jemals die Sonne gesehen, wenn es nicht selber sonnenhaft wäre. So kann auch die Seele das Schöne nicht sehen, wenn sie nicht selbst schön ist.


Ob Goethe oder Plotin oder Plato, für den das Auge das sonnenartigste unter allen Werkzeugen unserer Wahrnehmung darstellt: die Vorstellung, das Auge des Menschen sei selbst sonnenhaft, ist natürlich für einen Maler von schönster Bedeutung. Insofern sehen wir in Victors Sonnengesang auch das Auge des Malers am Werk. So eindringlich und erkennend und frei, dass wir das Naturereignis und das Mysterium Sonne jetzt vielleicht mit anderen Augen sehen _ und vielleicht auch verehren.

Ihnen wird aufgefallen sein, dass sich auf vielen dieser Sonnenbilder feine, leicht kurvig geschwungene Linien befinden. Sie berühren sich. Sie überschneiden sich. Sie legen einen zarten Reigen aufs Bild. Es sind die Victor’schen Raumlinien, die auch in früheren Arbeiten schon aufgetaucht sind. Liniengedanken, die gleichsam die irdische Sphäre verlassen haben. Diese Raumlinien stehen für Victors Beschäftigung mit der Ewigkeit. Es sind seine Ewigkeitsbilder, wie er selbst bekennt. Dass sie nun im Zusammenhang mit der Sonne erscheinen, schwingend in einer wundervollen Leichtigkeit, das erhöht das Gleichnishafte dieser Bilder. Sie stehen außerhalb der Zeit und sind in ihrer Lichterscheinung eine Vision auch eines verklärten, anderen Lebens.

Nichts geschieht im Werk Winand Victors nur zufällig. Alles, jede Weiterung, jeder neue Abschnitt seines Schaffens gründet auf Vorangegangenem. Auch wenn das nicht immer sofort oder erst in der Rückschau deutlich wird. Das Sonnenhafte bildet solch eine Grundströmung. Angefangen von Werken aus den 40er und50er Jahren _ ein Beispiel finden Sie oben mit dem Gemälde „Feierabend“ _ über „Genesis I“ von 1965, die „Lichtkuben“ von 1966 bis zur „Monstranz“ von 1980, die von einem Kern aus nach außen strahlt, bis zur „Ahnung“ von 1991 und bis zu der kinetischen Wucht des „Wasserfeuers“ von 1992, das sie hier auf der Staffelei sehen.

Die Sonne ist die Quelle allen Lebens auf der Erde. Deshalb wurde sie immer wieder als göttlich verehrt. In Kultstätten beispielsweise wie in Stonehenge. Heute sehen wir die Sonne dank der Astrophysik weitaus sachlicher. Ein Gasball mit 1,2 Millionen km Durchmesser. Ein gewaltiges Kernkraftwerk, das bisher das Äquivalent von 87 Erdmassen in Energie umgesetzt hat und das noch Milliarden Jahre brennen wird. Ein Himmelskörper, von dem ungeheure Energieströme ausgehen. Dessen Licht Tag für Tag ein Geschenk ist. Und der doch im Vergleich zu anderen Sonnen des Weltalls von bescheidener Größe ist. Ein gelber Zwerg, wie die Astronomen sagen. Und doch für uns unvorstellbar riesig. Wir finden die Sonne heute in einer Zeit boomender Solartechnik nicht unbedingt göttlich, obwohl wir zum Beispiel bei einer Sonnenfinsternis neben dem grandiosen Schauspiel vielleicht auch ein wenig den Schauer des Ewigen verspüren.

Winand Victors großartiger und vielstimmiger Sonnengesang lehrt uns wieder den Dank und die Verehrung nicht für den kosmischen Atomreaktor, aber für die Kraft hinter ihm, die auch ihn einmal geschaffen hat. Und jetzt _ als Schlusswort _ ist es angebracht, abermals Goethe zu zitieren. Mit Worten aus dem Prolog im Himmel zu seinem „Faust“. Dort stimmt der Erzengel Raphael seinen Hymnus auf die Sonne mit den folgenden Worten an:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.


Soweit Goethe _ und auch ich bin am Ende und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Hansdieter Werner



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