"Nipplejesus" von Nick Hornby


In der Galerie in Reutlingen:
Di: 11.05 und Do: 13.05, 20.00 Uhr


Premiere: 26. Februar 2010
Deutsch von Karla Dechsler und Harald Hellermann

Ein mobiles Theaterstück für ein Theater oder eine Galerie
Inszenierung: Udo Rau / Ausstattung: Hannah Landes / Dramaturgie: Julia Feigl
Regieassistenz: Nils Wiegand
Mit: Martin Molitor
Dauer: 80 min.

Der 1957 geborene britische Kultautor Nick Hornby schrieb sich mit seinem ersten Roman "Fever Pitch" (deutsch: "Ballfieber") unmittelbar in die Herzen der Leser. Seine Bestseller "About a boy" und "High Fidelity" lieferten Stoff für Film und Theater.

Ein mobiles Theaterstück für ein Museum oder einer Galerie
„Keine Frage, hätt ich von 'Nipplejesus' nur in der Zeitung gelesen, ich hätte es für verkehrt gehalten. Aber wenn man tatsächlich jeden Tag daneben steht, wird es komplizierter.“
Dave hat von Kunst keine Ahnung. Als dem Familienvater sein Job als Diskotürsteher zu gefährlich wird, nimmt er eine Stelle als Museumswärter an und wird prompt zur Bewachung eines ganz besonderen Bildes eingesetzt: Von weitem betrachtet ist „Nipplejesus“ ein Portrait des gekreuzigten Christus, geht man jedoch nahe genug an das Bild heran, sieht man, dass es sich um eine Kollage aus weiblichen Brüsten, ausgeschnitten aus Pornoheften, handelt. Zunächst ist Dave schockiert, aber nach und nach erwacht sein Beschützerinstinkt für das ungewöhnliche Kunstwerk. Bis auf die Knochen verteidigt er das Bild gegen die Bigotterie und den Unverstand von Museumsbesuchern, Politik und Medien, bis er zuletzt feststellen muss, dass seine Rolle im Spiel des Kunstbetriebes längst eingeplant war.
NIPPLEJESUS wird als Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen in der aktuellen Ausstellung „Mel Ramos – 50 Jahre Pop-Art“, zu sehen sein. Im Preis der Theaterkarte ist der Besuch der Ausstellung am Tag der Vorstellung oder am darauf folgenden Tag inbegriffen.

Der Text NIPPLEJESUS wurde entnommen aus „Speaking with the Angel“, hrgs. von Nick Hornby 2001 erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Erlöse aus dem Verkauf des Buches und der Theateraufführung gehen an den Treehouse Trust, London, einer Stiftung zur Förderung autistischer Kinder, deren Mitbegründer Nick Hornby ist.
www.treehouse.org.uk

Gastspiele
Reutlingen, Art Gallery: 11., 13. Mai 2010

Presse:
Millionen Brustwarzen
Das LTT verortet Nick Hornbys »Nipplejesus« in der Kunsthalle vor den Pop-Art-Ladys von Mel Ramos
Was ist eigentlich Kunst? Guido Libuda (welch ein assoziationsgesättigter Name!) hat keine Ahnung. Aber das überdimensionale Jesusbild, das den Gekreuzigten in seiner Qual so berührend darstellt, dass man richtig traurig wird, das findet er wunderschön. Bei näherem Hinschauen erweist es sich jedoch als Collage aus Millionen Brustwarzen, ausgeschnitten aus Pornoheften. Guido ist empört: »Ein Jesus aus Nippeln - das ist nicht in Ordnung!«
Das am Freitagabend in der Tübinger Kunsthalle versammelte Premierenpublikum amüsiert sich jedenfalls. Die für Komik maßgebliche Fallhöhe ist ja auch enorm: Ein Prolet äußert sich zu zeitgenössischer Kunst. Nick Hornbys Erzählung »Nipplejesus« in der geschmeidigen Übersetzung von Clara Drechsler und Harald Hellmann wurde vom LTT als »Kunst-Stück in der Kunsthalle« herausgebracht. Dort gehört es zum werbewirksamen Begleitprogramm der Mel-Ramos-Ausstellung.
Nackedeis einbezogen
Mel Ramos' Hollywood-Nackedeis, die sich auf massigen Wildtieren, um Rotwein- und Colaflaschen oder auf Käseecken räkeln, haben mit dem Hornbystück eigentlich nichts zu tun - allenfalls könnte man die Verbindung Pop-Literat und Pop-Art-Ramos ziehen. Aber die Inszenierung von Udo Rau bindet den Hornby-Text geschickt mit einer Rahmenhandlung in die Umgebung ein.
Ausstatterin Hannah Landes hat mit den großformatigen Pin-up-Ladys an den Wänden ein unübertreffliches Bühnenbild, dem sie mit einer von einem rosa Höschen gekrönten Stühle-Skulptur mit dem Titel »Ameisenhügel« die nötige Theater-Infrastruktur verpasst. Diese Skulptur darf das Publikum quasi als Happening zerstören, um die Stühle ihrer originären Bedeutung als Sitzmöbel zuzuführen. Davor hatte Regieassistent Nils Wiegand im geschwollenen Stil einer Vernissagerede in die Kunst von Mel Ramos eingeführt, mit besonderem Akzent auf der Chiquita-Bananen-Plastik, aus der sich eine Blondine schält.
Vom Öffnen einer Banane
Diesen Ball nimmt wenig später Guido auf, allerdings viel pragmatischer, indem er über die Überraschung sinniert, die das Öffnen solch einer Banane wohl hervorruft. Nach einer peinlich langen Museumsstille unter den strengen Bodyguard-Augen eines Aufsehers hatte sich Guido dem artig in Reih und Glied sitzenden Publikum zugewandt. Martin Molitor, erstmals als Gast am LTT zu erleben, gibt der Figur einen ganz eigenen Charme à la harte Schale, weicher Kern. Seinem Klitschko-Vorbild an Gestalt gar nicht unähnlich, kahl rasiert und ein Tattoo am Hals, steckt er in einem dunkelblauen Museumswärteranzug, der ein bisschen zu klein ist und ihn ständig dazu verführt, das Sakko überm Bauch glatt zu streichen.
Dieses realistische Mannbild in einer realen Kunstgalerie in einer Satire über die Kunst-Moderne verfehlt in ihrer absurden Wirklichkeit ihre Wirkung nicht. Das verdankt sich der Schauspielkunst von Molitor. Er erzählt umherschreitend von jenem Jesusbild aus Nippeln und wie man ihn schamlos für einen Kunst-Zweck instrumentalisiert hat. Ihn, den vormaligen Türsteher des »Casablanca«, der vor seinem neuen Job als Aufseher in der Galerie noch nie eine Kunstgalerie von innen gesehen hatte. Oder höchstens im Film. Ihn, der sich selbstbewusst aus den nach Höherem strebenden Ambitionen seiner Frau nichts macht. Ihn hat man übertölpelt!
Das blasphemische Christusbild war von vorneherein zum Zerstören aufgehängt worden - der Zorn darüber kocht noch ihn Guido. Und es schmerzt noch immer, dass seine Gefühle für die hübsche Künstlerin Martha, deren Nipplejesus er letztlich bis zur Handgreiflichkeit verteidigt hatte, gekränkt wurden. Aber was soll's! »Jetzt habe ich die Mädels auf Sachen«, resigniert Guido mit Blick auf die Ramos-Bilder.

MONIQUE CANTRÉ, Reutlinger Generalanzeiger, 1. März 2010



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